Keine Nation kann sich ihre Geschichte aussuchen oder sie abstreifen. Aus der deutschen Schuld erwächst unsere Verantwortung, nicht zu vergessen: Um die Menschen zu ehren, denen ihr Leben genommen wurde, um ihnen ihre Würde zurückzugeben.  

Erinnerungskultur ist unverzichtbar. Dabei haben wir Deutsche es schwerer als andere. Denn Brüche, ja Katastrophen in der deutschen Geschichte, u.a. der Endsiegterror im Frühjahr 1945, als das NS-Regime das Kriegsende zu einer letzten Orgie von Gewalt und Schrecken steigerte, sind eine schwere Bürde. Eine Erinnerungskultur, die sich auf ein hohes Maß an historischer Kenntnis, an politischer Bildung und ethischer Urteilskraft stützt, stiftet Sinn, wenn um eine humane Orientierung gerungen wird. Wir finden Traditionen nicht einfach vor, sie werden gemacht; denn Traditionspflege ist ein Konstrukt. Wo aber historisch bedenkliche Traditionen gepflegt werden, müssen wir unsere Stimme erheben!

Es geht hier um Admiral Johannesson, der als NS-Gerichtsherr am 21. April 1945 die Todesurteile gegen die fünf Männer von Helgoland bestätigte. Derzeit wird die Johannesson-Büste in der Aula der Marineschule Mürwik (MSM) auf Augenhöhe mit der Büste des am
10. August 1944 in Berlin-Plötzensee am Fleischerhaken[1] ermordeten Widerstandskämpfers Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder auf einem Ehrensockel präsentiert. Kranzfelder stammt aus Kempten im Allgäu; es ist meine Heimatregion. 1964, zwanzig Jahre nach dem 20. Juli 1944 wurde der Stützpunkt in Eckernförde in Kranzfelder-Hafen umbenannt.[2]

 

Kranzfelder und Johannesson – ein Opfer und ein Täter auf Augenhöhe: Welche Einfalt und unerträgliche Provokation! Welche ethische Verwirrung in der historischen Einordnung und welch ein Verstoß gegen die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) – Recht und Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde!

Welch einfältiger, doloser und zynischer Abgrund der Geschichtspolitik: Ein Täter wird gleichrangig mit einem Opfer des NS-Regimes geehrt! Freilich: Aus den schuldhaften Verstrickungen im NS-Regime erwächst auch unsere Verantwortung, nicht vergessen zu dürfen. Es ist unglaubwürdig, wenn sich die Bundeswehr heute am 20. Juli in Berlin im Glanze des Widerstandes sonnt, aber gleichzeitig in Mürwik (bei Flensburg) verstockt und verblendet am Kult um die Johannesson-Büste auf dem Ehrensockel festhält.

Die Bundeswehr soll die Grundwerte Recht, Freiheit und Menschenwürde schützen und tapfer verteidigen, aber nicht, so meine Überzeugung, einen Kult um Johannesson fördern! Unsere konkrete Forderung lautet: Die Johannesson-Büste muss in das alte Wehrgeschichtliche Ausbildungszentrum (Kommandeursvilla des WGAZ) oder in eine Asservatenkammer oder meinetwegen in das Kellergewölbe des Roten Schlosses an der Flensburger Förde überstellt werden!

Wir haben uns hier in Sahlenburg versammelt:

·         Bis 1945 war dieser Ort eine Hinrichtungsstätte der Kriegsmarine,

·         bis Juni 1989 war der Ort eine Schießstätte der Bundeswehr,

·         im April 2015 wurde diese Gedenkstätte Sahlenburg eingeweiht.

 

Ich komme zum Schluss. „Die Tradition der Bundeswehr ist der Kern ihrer Erinnerungskultur.“[3] Als glaubwürdiges Zeichen des guten Willens wie auch der bewussten Aufarbeitung der Vergangenheit sollen Offiziersanwärter der Marineschule Mürwik (MSM) diesen Gedenkort hier in Sahlenburg besuchen und der Opfer des NS-Gerichtsherrn Johannesson gedenken!



[1] »Ich will, daß sie gehängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh«, lautete Hitlers Anweisung.

[2] Am 10. August 2020 beendete VAdm Brinkmann, der damalige Befehlshaber der Flotte, seine Gedenkrede in Eckernförde mit dem Bekenntnis: „Die Unveräußerlichkeit der Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Demokratie bleiben die unerschütterlichen Grundpfeiler unseres Wertekanons, unseres Landes, unserer Bundeswehr und unserer Marine. Diese zu schützen und zu bewahren, bleibt auch in Zukunft unsere heilige Pflicht. Die Deutsche Marine wird diese Pflicht, und die Menschen, die für sie starben, niemals vergessen.“

[3] DIE TRADITION DER BUNDESWEHR. RICHTLINIEN ZUM TRADITIONSVERSTÄNDNIS

UND ZUR TRADITIONSPFLEGE (28. März 2018)

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